Der erste Screenshot ist der teuerste oder: Prokrustesbett mit Farbverlauf

Strategie & Beratung
13.08.2026
Marco Fernandez
Ein Bett, gerendert im Stil einer KI-generierten Benutzeroberfläche: violetter Farbverlauf, glasige Oberflächen und weiches Leuchten auf dunklem Grund. Unten rechts ein Signet mit der Aufschrift „AI Insight".
KI-Interfaces sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Kennen wir schon aus der WordPress-Ära, nur mit einer zusätzlichen Windung: KI trainiert inzwischen auf KI-Output und verengt sich selbst weiter. Das eigentliche Problem ist aber nicht der Look. Es ist, dass sich Design dem Standard unterordnet statt der Information, die eigentlich transportiert werden soll.

In Angebotsgesprächen sehe ich zunehmend Screenshots, die Kunden mitbringen: „Das hat ChatGPT gebaut, sieht doch gut aus." Genau das ist das Problem.

Das hatten wir schon mal

Als kostenlose, im Aussehen entsprechend billige WordPress-Templates die Antwort auf „reicht doch aus" waren, sahen sich am Ende die meisten Websites einer ganzen Ära zum Verwechseln ähnlich, quer durch alle Branchen. Der gemeine Mensch mag, was er kennt. Zajonc hat das als Mere-Exposure-Effekt beschrieben: bloße Wiederholung reicht, damit etwas als „gut" gilt, unabhängig davon, ob es das ist.

Bei KI schließt sich die Schleife doppelt. Sie generiert den Einheitslook, der landet im Netz, die nächste Modellgeneration trainiert wieder darauf. Die Forschung nennt das Model Collapse: Lernt ein Modell auf dem Output seiner Vorgänger, verschwinden zuerst die Ränder der Verteilung, also genau das Seltene und Abweichende. Eine Blase, die sich selbst füttert und enger wird, ohne dass irgendjemand (Homo sapiens) das je aktiv so entschieden hätte. Das verhält sich wie ein Rechenfehler in Zeile drei: Man rechnet sauber weiter und wundert sich am Ende über das Ergebnis.

Konventionen sind nicht das Problem

Konventionen sind in UX und UI grundsätzlich kein Problem, siehe Jakob's Law. Das Problem ist die Reihenfolge. Design sollte sich um die Information bauen, die jemand transportieren, verstehen, nutzen will, nicht umgekehrt. Wer zuerst den Look übernimmt und die Inhalte danach hineinzwängt, baut ein Prokrustesbett: Was nicht passt, wird gekürzt oder gedehnt, bis es passt, völlig unabhängig davon, ob es der Sache noch dient. Die Masse merkt das nicht, weil es ja „professionell" aussieht.

Genau da hört Design auf, Rendering zu sein, und fängt an, eine Entscheidung zu sein. Die meisten machen gerade Ersteres.

Neue Beiträge